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Sommer 2000: 5 Wochen
Baltikum - Russland (St. Petersburg)


Der
Schiffsdiesel brabbelt gemütlich vor sich hin. Wir sind auf hoher See irgendwo
vor der Küste Polens. Es ist halb sieben Uhr morgens und äusserst ungastlich
draussen. Hanne schläft noch. Ich habe gerade einen Rundgang auf dem Schiff
gemacht und mich jetzt wieder in den Raum mit den Pullmann-Sitzen zurückgezogen.
Hier ist es angenehm warm.
Jetzt
wird es plötzlich heller draussen – der Morgennebel reisst ein wenig
auf und lässt einen Sonnenstrahl herein. Ich geniesse diesen Augenblick
der Ruhe am frühen Morgen.
Die
Menschen, die hier an Bord der „Kaunas“ sind, bestätigen dies. Da
gibt es ein älteres Ehepaar, die mit dem Fahrrad Litauen bereisen möchten,
Familien mit Kindern, zwei junge Tramper. Nichtsdestotrotz hält sich die Anzahl
der „normalen“ Passagiere in Grenzen. Die Mehrheit besteht aus LKW-Fahrern
und einigen jungen Russen, die Unfallautos aus Deutschland ausführen.
Die „Kaunas“ bringt uns von Kiel nach Klaipeda in Litauen. Wir wollen uns Litauen anschauen, dann nach Lettland und weiter über Estland nach Russland fahren. In St. Petersburg treffen wir uns mit Gallina, einer russischen Lehrerin, die wir letztes Jahr beim Schüleraustausch kennengelernt hatten. Sie hat uns auch offizielle Einladungen besorgt, ohne die wir kein Einreisevisum bekommen hätten...

Die
Stimmung ist gedrückt, aber nicht hoffnungslos. Das Wetter weiss noch nicht so
recht, was es will. Wir laden das Motorrad. Ich scherze ein wenig herum, aber
ich kann auch keine richtige Fröhlichkeit aufkommen lassen. Wir dürfen nicht
vergessen, in Estland unsere Postkarten noch einzuwerfen.
Der
alte Boxer brummt gleichmässig vor sich hin. Die Strecke ist bekannt, es gibt
nichts Neues. Wir haben unsere Wertsachen gleichmässig an verschiedenen Stellen
an unsere Körper verteilt, auch im Rahmenrohr des Motorrads befinden sich noch
Dollarscheine und Kopien der wichtigsten Dokumente. Die Landschaft zieht vorbei,
Narva taucht wieder auf.
Den Tank nochmal vollpacken. Wir haben uns vorgenommen,
unterwegs nicht anzuhalten, keine Pause zu machen. Das ist normalerweise kein
Problem, denn die Entfernung von Narva bis St. Petersburg beträgt nur etwa 140
km, aber angesichts unserer Aufregung und der daraus resultierenden Pinkelanfälligkeit
sehe ich doch schwarz, zumal wir ja in Petersburg noch die Adresse von
Gallina’s Tochter finden müssen, und die liegt fast im Zentrum einer Millionenstadt.
Die
Abfertigung durch die estnischen Zöllner in Narva erfolgt problemlos, dann
rollen wir über die Flussbrücke zur russischen Seite. Es sind zwei oder drei
Autos vor uns, auf dem Gehsteig warten etliche Fussgänger auf ihren Durchlass,
die uns neugierig mustern. Der Grenzübergang ist klein und übersichtlich, die
Zöllner und Polizisten sehr höflich und zuvorkommend. Die Anspannung lässt
nach. Die Visas sind in Ordnung, kurze Kofferkontrolle und die Frage nach
Drogen, Alkohol oder elektronischen Geräten. Ein scharfer Schäferhund an einer
langen Kette in der Mitte des Geländes lässt keinen Zweifel aufkommen, dass im
Falle des Falles ein hastiger Fluchtversuch hier unmöglich ist.
Ich
fülle ein Formular aus, dessen Angaben dann umständlich in einen russischen
Computer gehackt werden, von dem aus sie auf einem wunderschönen Zertifikat
hochoffiziell ausgedruckt werden. Es ist die Zollbescheinigung über die Einfuhr
eines Kraftfahrzeuges. Das Original wird sofort abgeheftet, den Durchschlag muss
ich mitführen. Diesen Zettel bloss nicht verlieren! Sonst reise ich mit einem
unbekannten Fahrzeug aus (vorausgesetzt, wir reisen überhaupt noch mit einem
eigenen Fahrzeug aus), und muss entsprechend Zollgebühren zahlen. Keine Frage
nach einer Haftpflichtversicherung, und ich frage auch ganz bewusst nicht.
Zum
Schluss wünscht man uns „Gute Reise“, ein letzter Schlagbaum, das war’s.
Jetzt sind wir in Russland.
Sofort
und fast noch halbwegs auf dem Grenzgelände halten wir an einem Getränkekiosk
an. Vergammelte Hunde streunen herum, ein schmutziger Junge bettelt uns an. Ein
heruntergekommener Wohnblock im Hintergrund. Für uns: aus dem Küchenkoffer ein
Schluck Wasser und Cola, eine Marlboro, dann Helm auf und los.
Kurz
vor dem Stadtende von Ivangorod passieren wir noch einmal einen Schlagbaum, aber
die Uniformierten winken uns durch. Ich frage: „St. Petersburg?“ und deute
auf die Strasse. Alle nicken und winken uns zu. Ich schalte die Gänge durch,
das Motorrad kommt auf Touren.
Wir
hatten uns vorgenommen, nie alleine auf der Strasse zu sein, sondern am besten
immer im Pulk mit anderen Fahrzeugen unterwegs zu sein. Die Grenzabfertigung
geht doch insgesamt etwas langsam vonstatten, so dass nur sehr verzeinzelt
Fahrzeuge den Posten verlassen können. Somit kommt keine zusammenhängende
Autoschlange zustande. Auch wir sind im Moment allein. Ich schaue in den Rückspiegel
und erkenne einen Bus, drossele die Geschwindigkeit, so dass der Bus aufholen
kann. Aber er ist so langsam, dass es offensichtlich keinen Sinn macht, auf ihn
zu warten. Ausserdem handelt es sich nicht um einen Reisebus, sondern eher um
einen Linienbus, der wahrscheinlich sowieso an jeder Haltestelle bremsen wird,
und ausserdem auch nicht bis Petersburg fährt. Nach wenigen Minuten gebe ich
wieder Gas.
Nun
sind wir allein. Die Strasse führt durch dichten Wald, der bis an die Fahrbahn
reicht, ohne puffernde Randstreifen. Ich mache mir Gedanken um Hanne und schaue
nach hinten. Sie winkt mir ein „OK“ zu. Alles ist in Ordnung. So fahren wir
einige Kilometer, einige Autos überholen uns, weil wir nur 90 km/h fahren dürfen,
nichts passiert. Familien sind unterwegs, Kinder auf den Rücksitzen.
Manchmal
fahre ich extra langsam, um einen Wagen vorbeizulassen, der seit geraumer Zeit
hinter uns ist, um zu sehen, wer darin sitzt – es sind alles normale Menschen.
Auch schwere Autos mit dunkel getönten Scheiben rollen bedeutungsvoll, aber
ungefährlich, vorbei.
Wir
kommen durch mehrere kleine Dörfer und Städtchen. Die Häuser sind
verwahrlost, Vorgärten von Unkraut überwuchert. Die Menschen sitzen an der
Strasse und bieten Gurken oder Kartoffeln an. Niemand arbeitet. Die Menschen
sitzen direkt auf dem Erdboden oder gar in Pfützen, wo es 2 m weiter einen
Grasflecken gibt! In Estland hatte man noch ein kleines Hockerchen und einen
Schirm aufgestellt – hier gibt es das nicht mehr. Selbst eine Holzkiste würde
genügen, um nicht im Matsch zu sitzen. Offensichtlich gibt es doch Unterschiede
in der Mentalität? Ich will niemandem, und schon gar keinem armen Menschen
Unrecht tun, aber bei diesem Anblick sind wir im Kopf nicht mehr ganz
mitgekommen. Kann einem denn alles scheissegal sein, selbst mit einem durchnässten
Hintern durch die Gegend zu laufen?
Wir
passieren zwei Polizeikontrollen, wo der internationale Führerschein verlangt
wird. Die Beamten sind freundlich und korrekt und bemühen sich, Englisch zu
sprechen. Es gibt keine Schikanen.
Einmal
halten wir auf weiter Flur an einem überdachten Bushäuschen, um einen
Regenschauer abzuwarten. Die aus Betonteilen zusammengesetzte Unterstellmöglichkeit
lässt an jeder Fuge das Wasser durch und tropft nur so vor sich hin.
Beschilderungen,
Leitplanken und Signale an Bahnübergängen sind unvollständig, verbogen,
demoliert, verrostet, alles ist in einem desolaten Zustand.
Der
Verkehr nimmt schliesslich zu und in weiter Ferne schimmert urplötzlich
nach einer Strassenkuppe in hellem Sonnenlicht eine Kette von weissen
Hochhäusern: St. Petersburg ist in Sicht!
Erhöhte
Konzentration ist wieder gefragt, denn die Strasse wird nach dem
Ortsschild (ein einfaches, weisses Blechschild – Petersburg hätte hier
doch etwas Vornehmeres verdient) mehrspurig, wobei die einzelnen
Fahrspuren nicht durch Markierungen voneinander getrennt sind. Jeder fährt
gerade so, wie es am besten passt. Wir schwimmen mit. Nach kurzer Gewöhnungsphase
läuft alles wie geschmiert. Endlich erscheint die Strasse auch auf dem
Stadtplan vor mir im Tankrucksack. Ab jetzt kann ich mich konkret
orientieren. Lediglich die kyrillischen Beschriftungen stiften Verwirrung,
denn so schnell kann ich sie nicht interpretieren.
Tiefer
und tiefer tauchen wir in die Stadt ein, die Vororte liegen hinter uns.
Die Fahrbahn mit Spuren in eine Richtung ist nicht selten mehr als 30 m
breit, jetzt kommen auch elektrische Busse und Strassenbahnen hinzu. Die Häuser
und Wohnblocks werden immer grösser, riesige Werbeplakate tauchen auf.
Taxis schiessen kreuz und quer, Fussgänger überqueren in riesigen
Trauben die Strecke. Die Fahrt geht weiter Kilometer um Kilometer. Welch
eine Stadt! Welch ein Leben!
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